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Danaergeschenk Euro



Nach Ablauf von achtzehn Monaten ist es nun möglich, versuchsweise eine Eröffnungsbilanz der neuen Einheitswährung zu erstellen.

Positive Effekte haben sich eingestellt, die erwartet wurden, und solche, die nicht erwartet wurden. Und es gab positive Effekte, die wider Erwarten nicht eintraten.


* Positiv ist, dass es die Währung noch gibt; dass sie nicht im Sturm der Proteste untergegangen ist. 

* Positiv ist, dass sich die Währung nach langer Depression fast ebenbürtig mit dem Dollar an den Devisenmärkten etablieren konnte.

* Erfreulich ist, dass — wie erwartet — auswärtige Investoren ihre Europa-Investitionen stark zunehmend in der Eurozone platzieren.

* Nach hinhaltendem Widerstand müssen Banken der Eurozone auf Befehl aus Brüssel nun den binnenzonalen Geldverkehr vereinfachen und verbilligen, doch von so schlichten Instrumenten wie einem zonenweit geltenden Scheck oder einer eurozonalen, gebührenfreien Scheckkarte sind sie noch weit entfernt.

* Der Euro gilt in zwölf Ländern als gesetzliches Zahlungsmittel, vorausgesetzt man schleppt ihn in bar mit sich herum. Wenn's bargeldlos sein soll, dann kommt man am besten mit einer altmodischen Kreditkarte zurecht. Dazu brauchte man den Euro nicht.

Negative Effekte haben sich gezeigt: solche, die befürchtet wurden und solche, die man nicht erwartet hat. In die zweite Kategorie gehört die Teuerungswelle, die über die Euroländer hinweggeschwappt ist, und die verzweifelt von Politikern, Volkswirten, Statistikern und Psychologen negiert wurde.


Die Teuerung

Es dürfte ein in Europas Wirtschaftsgeschichte einmaliges Phänomen sein, dass eine unbezweifelbare und knallharte Teuerung, die praktisch jeder Einwohner am eigenen Leib und Geldbeutel schmerzhaft erlebt hat, und die tiefe Spuren in den Volkswirtschaften hinterlassen hat, von einer Handvoll Interessenvertretern schlichtweg geleugnet und ins Reich der Fabel verwiesen wird.

In Deutschland stieg im Zuge der Währungsumstellung der Bargeldumlauf um 25 Prozent auf 100 Milliarden Euro — vor allem in kleinen Scheinen —, weil die Verbraucher das zusätzliche Bargeld brauchten, um ihren Bedarf angesichts der emporschnellenden Preise decken zu können.

Die Euro-induzierte Teuerung hat, wie sich nun zeigt, das Gefüge der Wirtschaft drastisch verändert. Es gibt Gewinner und Verlierer. Gewonnen haben die Branchen, die von monopolistischen oder oligopolistischen Strukturen gekennzeichnet sind; verloren haben Branchen, in denen freier Wettbewerb herrscht.

Bis zu 100 Prozent (DM-Preis = Euro-Preis) Aufschlag bei ihren Handelswaren genehmigten sich Fachgeschäfte, Kaufhäuser und Dienstleister. Die Gastronomie hat ebenfalls kräftig zugelangt. Als Ergebnis haben zahlreiche Unternehmen dieser Branchen im Flautejahr 2002 hohe Gewinne eingefahren.

In anderen Ländern hielten sich die Aufschläge in Grenzen, solange bis die Preisschilder, die Preise in beiden Währungen zeigten, verschwanden. Kaum war der alte Preis unsichtbar geworden, schnellte der neue Preis empor. In Italien, beispielsweise, wurden Beschwerdetelefone eingerichtet, bei denen Verbraucher Firmen oder Behörden wegen Preis- oder Gebührenwuchers ordnungsrechtlich anzeigen konnten. In Deutschland gab es das nicht, denn die Wirtschaft ist frei, zu verlangen, was sie will.

Branchen, die von Konkurrenz gekennzeichnet sind, etwa der Lebensmittel-Einzelhandel, die Reisebranche oder die Baumärkte, stellten die Preise weitgehend korrekt um. Da aber die monopolistischen und oligopolistischen Branchen nun einen grösseren Anteil der disponiblen Einkommen verlangten und auch erhielten, fielen die restlichen Branchen dem Sparzwang zum Opfer.

Die Verbraucher, geschockt von der unerwarteten Teuerung, sparten dort, wo es am einfachsten war. Sie wechselten vom Fachhandel zum Kaufhaus, und vom Kaufhaus zum Diskonter. Sie sparten an den Reisen und schoben Anschaffungen auf. Aus Markenartikel-Freunden wurden Schnäppchenjäger. Wie in den USA wird in manchen Branchen kaum noch Ware zum regulären Preis verkauft: der grösste Teil des Umsatzes wird mit reduzierter Ware erzielt. Mit zynischen Werbespielchen ("Dauer-Tiefpreise") versuchen die Oligopole, die verscheuchten und tief verärgerten Kunden zurück zu holen.

Die Euro-Teuerung brachte für den Lebensmittelhandel die wahrscheinlich irreversible Abkehr vom traditionellen Supermarkt. Die Diskonter sind im Begriff, den Lebensmittelhandel in Deutschland zu dominieren, und offerieren zusätzlich Billigwaren aus Kaufhaus- und Baumarkt-Sortimenten.

Auf lange Sicht werden jedoch auch die Kaufhäuser, die zunächst so fröhlich von der Währungsumstellung profitierten, den grossen Diskontern zum Opfer fallen, wie es beispielsweise in USA während der Rezession 1989-1993 der Fall war.

Die verzweifelten Sparbemühungen der deutschen Verbraucher nach der Umstellung halfen wahrscheinlich, einen Teil der Preissteigerungen statistisch auszugleichen, doch eine Leberwurst in Plastik vom Diskonter ist qualitativ nicht gleich einer Leberwurst in der Pelle von der Wursttheke des Supermarkts. Sinkende Umsätze verschärften den ohnehin schon scharfen Wettbewerb in der Lebensmittelbranche, und brachten (zusammen mit klimatischen Faktoren) jenen Rückgang der Nahrungsmittelpreise zustande, der von den Statistikern als Beweis der preislichen Neutralität der Währungsumstellung gepriesen wurde. Doch der Mensch lebt nicht von Leberwurst allein.

Wer sich ein Bild von den Euro-induzierten Verschiebungen im Preisgefüge machen will, braucht nur Preise in Euro-Ländern mit denen in Nicht-Euro-Ländern zu vergleichen, etwa der Schweiz oder den USA. Nach der Währungsumstellung in Euroland war plötzlich die traditionell teure Schweiz in manchen Branchen (z.B. Schuhe) billiger geworden; der Abstand zu vorher schon niedrigeren US-Verbraucherpreisen war noch ein Stück (bereits vor dem Verfall des Dollarkurses) gewachsen. .


Strukturwandel

Vom Einkommensverlust der Verbraucher abgesehen, hat die Euro-Umstellung auch die Struktur der Volkswirtschaft verändert. Die oligopolistischen Branchen haben durch den Gewinnschub an Stärke gewonnen und können sich in weitere Gebiete der Wirtschaft ausdehnen, wo ihnen Unternehmen der von Konkurrenz und Umsatzeinbussen geschwächten Branchen nun leicht zum Opfer fallen.

Die Währungsumstellung hat also den ohnehin in Europa typisch hohen Monopolisierungsgrad der Wirtschaft noch gesteigert; ein denkbar unerfreuliches Ergebnis, das die Wirtschaft wettbewerbspolitisch um Jahre zurückgeworfen hat..


Zwei Nackenschläge

Zwei Währungsumstellungen mit bösen wirtschaftlichen Folgen hat Deutschland binnen weniger Jahre hinnehmen müssen:


* die Einwechselung der Ostmark bei der Wiedervereinigung zu einem weit überhöhten Kurs von 1 : 1

* Die Einwechselung der D-Mark in Euro zu einem erneut überhöhten Kurs.

Als die Wechselkurse der europäischen Währungen in den Euro gemäss Tageskurs am 31. Dezember 1998 festgesetzt wurden, war die D-Mark eben keine x-beliebige Währung, sondern die Leit-und Reservewährung Europas und darüber hinaus.

Der Bargeldumlauf einer Leitwährung ist stets wesentlich grösser als der inländische Bargeldbedarf, weil sie in zahlreichen anderen Ländern als Hilfs-, Sekundär- und Reservewährung dient. Die zusätzliche Nachfrage nach D-Mark, vor allem in Osteuropa, erhöhte dauerhaft den Wechselkurs. Infolgedessen war die D-Mark im Vergleich zu anderen europäischen Währungen überbewertet, als der Wechselkurs zum Euro festgesetzt wurde.

Während die Umstellung der Ostmark einen Vermögenstransfer von West nach Ost innerhalb des neuen Staates darstellte, bedeutete die Umstellung von D-Mark auf Euro einen Vermögenstransfer von Rest-Euroland nach Deutschland. Dieses Faktum ist nicht zur Kenntnis genommen worden, da es ja schon in D-Mark-Zeiten galt und Deutschlands relativen Reichtum innerhalb der EU steigerte und seine wirtschaftliche Vormachtrolle zementierte.

In beiden Fällen war der Vermögenstransfer jedoch begleitet von einem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Ein weitgehend wertloses Bankkonto in Ostmark war über Nacht zu einem kleinen Vermögen in D-Mark geworden, aber ostdeutsche Löhne mussten nun in D-Mark bezahlt werden, ohne dass dadurch die Produktivität um ein Jota stieg. Massenentlassungen waren unausweichlich das Ergebnis.

Als der Euro die D-Mark ersetzte, war der Leitwährungsbonus über Nacht verschwunden. Deutsche Löhne und Gehälter erschienen im europäischen Vergleich und gemessen an der Nachfrage nach deutschen Wirtschafts-Leistungen, überhöht. Der Welt kürzeste Wochen-, Jahres- und Lebensarbeitszeit beeinträchtigt zusätzlich die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.

In beiden Fällen bedeutet falscher Wechselkurs Flaute und Arbeitslosigkeit. Es braucht Jahre, bis die Überhöhung der Arbeitsentgelte so weit durch Inflation und Produktivitätssteigerung abgebaut ist, dass der internationale Wettbewerbsnachteil verschwindet. Fehlt die heilsame Inflation und behindern Verteilungskämpfe den Anpassungsprozess, so dauert die Normalisierung noch länger.

Bis Ende 2002 erlebte Deutschland freilich den unerwarteten Vorteil der Schwäche des Euro gegenüber Dollar, Pfund und Yen. Der falsche Wechselkurs blieb also ein innereuropäisches Problem für die deutsche Wirtschaft, kein internationales. Daher konnte sich die Exportwirtschaft weiterhin behaupten. Seit März 2003 ist dieser Vorteil nun auch weg, und der Wettbewerbsnachteil schlägt voll durch. Allerdings sind schon so viele deutsche Unternehmen mit ihren Produktionsstandorten aus der Eurozone ausgewandert, dass Produktion und Einkauf im Dollar-Raum helfen, die Aufwertung des Euro teilweise zu kompensieren. Andere Firmen haben sich gegen Kursschwankungen versichert.

Bedenkt man, dass die deutsche Wirtschaft binnen einem Dutzend Jahre nicht nur die Nackenschläge zweier unvorteilhafter Währungsumstellungen, sondern auch den massiven Vermögenstransfer für den Aufbau Ost verkraften musste, so ist das Ergebnis so schlecht nicht. Noch ist Deutschland nicht zu jenem "Rostgürtel Europas" verkommen — voll von siechen und veralteten Industrien — den manche Briten als Folge der Einführung des Euro prophezeiten.

Doch die deutsche Wirtschaft befindet sich nach wie vor im Trog der Stagnation. Steuerausfälle und steigende Soziallasten erzwingen Taten anstelle von Worten gegen den "Reformstau", der aus Mangel an Verständnis für die Wirtschaftslage gern als Hauptursache der Misslichkeiten angesehen wird.


Silberstreif am Horizont?

In Zeiten von Stagnation und Rezession gilt das Ritual, dass Regierungen und Wirtschaftsforschungs-Institute stets für das kommende Jahr eine Besserung der Lage erwarten. Regierungen sehen eine kräftige Besserung kommen, Institute eine leichte Belebung. Dass vielleicht kein Silberstreif am Horizont winkt oder gar eine weitere Verschlechterung eintreten könnte, wird nicht vermutet.

So wird die Wirtschaft wie ein Bär am Nasenring geführt. "Harre aus, es wird besser werden", lautet unisono die Nachricht. In der Tat gingen ja in der Vergangenheit alle Rezessionen einmal zu Ende, warum nicht auch diesmal?

Die entscheidende Frage ist: sind Deutschlands gegenwärtige Probleme zyklischer oder struktureller Natur? Sind sie zyklisch, dann ist Optimismus angebracht. Irgendwann wird der Trog durchschwommen sein und es geht wieder aufwärts. "Wenn sich erst die Weltwirtschaft wieder erholt, dann geht es auch bei uns aufwärts," hört man.

Sind die Probleme freilich von struktureller Art, dann ist Optimismus nicht angebracht. Es gibt gewichtige Gründe zur Annahme, dass die Deutschen gegenwärtig ein strukturelles Problem fälschlich als zyklisches Phänomen diagnostizieren und sich infolgedessen des Ernstes der Lage nicht bewusst sind.


Der europäische Zinssatz

Mit der Einführung der gemeinsamen Währung wurde es notwendig, eine Europäische Zentralbank zu schaffen, die für die gesamte Eurozone die Geldpolitik macht. Das wichtigste Instrument, über das sie verfügt, ist der Diskont- oder Zinssatz. Dieser ist definitionsgemäss überall in der Eurozone gültig und bestimmt massgeblich, ob Kredit billig oder teuer ist.

Ganz anders als früher herrscht nun überall in Euroland der gleiche Zinssatz. Erstmalig in seiner neueren Wirtschaftsgeschichte erfreut sich Italien beispielsweise des gleichen Zinssatzes wie Deutschland. Wo zu Lire-Zeiten exotische Zinsen von 13 und 15 Prozent herrschten, liegt das Niveau nun bei 5 oder 6 Prozent. Das gleiche gilt für Irland, Portugal, Spanien und Griechenland. Zugang zu billigem Kredit dank des Euro ist für diese Länder ein wahrer Goldregen.

Doch für Deutschland und Frankreich ist der einheitliche Zins ein Danaergeschenk. Da die Europäische Zentralbank das Zinsniveau so festsetzt, dass es der wirtschaftlichen Bedürfnisse im Durchschnitt der Mitgliedsländer entspricht, ist der Zins auch nur in der Mitte des Entwicklungsstands richtig.

Für die weniger entwickelten Länder ist der Zins zu niedrig und führt zu wirtschaftlicher Überhitzung und Inflation. In den höher entwickelten Ländern wie Deutschland und Frankreich dagegen ist der Zins zu hoch und bewirkt Stagnation, und im Extremfall Rezession und Deflation.

Diese Situation ist leider keine vorübergehende Phase: sie ist ein sine qua non der gemeinsamen Währung. Gemeinsame Währung bedeutet gemeinsamer Zins, in aller Zukunft.

Die langfristige Wirkung der gemeinsamen Währung ist daher unausweichlich eine Einebnung der Entwicklungs- und Einkommensunterschiede innerhalb der Eurozone. Die ehedem mehr entwickelten Länder werden solange gebremst, und die weniger entwickelten so lange angespornt, bis alle gleichgezogen haben. Als Endergebnis werden sich die Einkommen in Stuttgart, Toulouse, Brindisi, Setubal und Kavalla angleichen.

Doch der Anpassungsprozess verläuft ganz unterschiedlich, je nachdem, ob man zu den Gewinnern oder zu den Verlierern gehört. In Setubal, Brindisi und Kavalla kann man mit Jahrzehnten raschen Wachstums rechnen, gekennzeichnet von Unternehmungsgeist, Optimismus und einströmendem Kapital. Florida, Kalifornien und Südostasien sind Beispiele ehemals zurückgebliebener Agrarländer, die einen atemberaubenden Aufstieg vollzogen haben.

Stuttgart und Toulouse hingegen droht jahrzehntelange Stagnation. Einheimische Firmen werden zuerst ihre Produktionsstandorte und später ihre Verwaltungssitze in die begünstigten Randgebiete der Eurozone oder ganz ins Ausland verlegen. Daheim bleiben die Arbeitslosigkeit, die Aussichtslosigkeit und die Sozialhilfe zurück.

Wie heute schon britische Arbeiter nach besser bezahlten Jobs ins ehedem arme Irland auswandern, werden in Zukunft flexible deutsche und französische Arbeitskräfte lieber ihr Glück in Portugal, Griechenland und Italien suchen, anstatt zuhause stempeln zu gehen. Klug ist, wer heute schon portugiesisch, griechisch oder italienisch lernt. Der Erfolg wird den Pionieren gehören.

Vollends aus dem Gefüge wird die Struktur geraten, wenn erst neue osteuropäische Mitgliedstaaten der Eurozone beitreten. Dann wird die Aufholjagd der Randgebiete noch umfassender und der Verfall der Kerngebiete noch drastischer, weil die Europäische Zentralbank gezwungen ist, den Zinssatz dem veränderten Durchschnitt entsprechend anzuheben.

Merkwürdigerweise hatte man die kommende strukturelle Umwälzung vor Einführung des Euro in Frankreich und Grossbritannien erkannt, nicht aber in Deutschland. Französische und britische Beobachter sahen den Abstieg Deutschlands kommen. Deutsche Euro-Warner hingegen beschworen die Gefahr einer europäischen Inflationsgemeinschaft und erzwangen die Maastricht-Kriterien; den bevorstehenden Abstieg der Kernländer erkannten sie nicht.

Die Briten aber, die hartnäckig auf ihrem Pfund Sterling beharren und den Schalmeienklängen vom Kontinent misstrauen, wissen, dass eine hochentwickelte Wirtschaft wie die ihre vom Euro genau so geschädigt würde, wie es Deutschland und Frankreich geschieht..


Kritik tabu

Deutschland ist also im Begriff, sich für den Euro zu opfern. Wie das Wochenmagazin Economist unlängst feststellte, ist Euro-Kritik in Deutschland inzwischen tabu, denn die Idee der Vereinigung Europas ist so fest im deutschen Geiste verankert, dass jede Kritik an der Integration als Sakrileg angesehen wird.

So wie die Deutschen einst wütende Nationalisten waren, und dafür zwei zerstörerische Weltkriege auf sich nahmen, sind sie nun wütende Europäer, die für die Idee ihre Wirtschaft opfern.

Selbst wenn die Deutschen erkennen würden, dass der Euro ihre Interessen schädigt: gäbe es denn eine Alternative?.


Keine Alternative zum Euro

Der Economist vermerkt amüsiert, dass die Bundesbank angeblich noch eine komplette D-Mark-Erstausstattung für die deutsche Wirtschaft in ihren Tresoren aufbewahrt für den Fall, dass der Euro floppt und die Mark wieder eingeführt werden muss. Die Chance, dass der Euro wieder verschwindet, wird immerhin auf 25 Prozent geschätzt.

Doch das sind unrealistische Gedankenspiele. Unabhängig von der juristischen Frage, ob die Währungsgemeinschaft unkündbar ist, wie ihre Anhänger behaupten, wäre eine nochmalige Währungsumstellung äusserst schädlich. Währungsreformen sind nicht, wie Ludwig Erhard und seine Nachfolger den Deutschen predigten, ein gutes Ding. In Wirklichkeit sind sie schlecht.

Im Jahre 1945, um ein Beispiel zu zitieren, gab es zwei Staaten mit derselben Währung: Deutschland und Österreich. Österreich vollzog keine Währungsreform. Wien druckte einfach neue Banknoten und tauschte die Reichsmark 1:1 gegen Schilling um. De facto also lebte die Reichsmark in Österreich unverändert weiter bis zum Tag, an dem sie gegen Euro eingetauscht wurde.

Die Bundesrepublik Deutschland führte 1948 eine Währungsreform durch und ersetzte zehn Reichsmark durch eine D-Mark. Theoretisch hätte also eine D-Mark zehn Schillinge wert sein sollen. In Wirklichkeit aber pendelte sich der Wechselkurs bei sechs bis sieben Schilling je D-Mark ein.

Österreich hatte also den viel besseren Schnitt gemacht, und von seinem Vermögen bei Kriegsende dreissig bis vierzig Prozent mehr gerettet als die Bundesrepublik.

Der Schaden, der durch die Euro-Umstellung angerichtet wurde, würde sich bei einer Rückumstellung in nationale Währungen — oder in eine D-Mark und einen Rumpf-Euro ohne Deutschland — prompt wiederholen. Ausserdem wäre die D-Mark von morgen nicht gleich der von gestern: es würde das Vertrauen fehlen und es wäre fraglich, ob die Mark nochmals eine Leitwährungsrolle erringen könnte.

Es ist also keine Alternative zum Euro in Sicht. Das nationale Opfer scheint irreversibel, der langfristige Abstieg Deutschlands fest programmiert. Es wird interessant sein, zu beobachten, ob sich das Land auf längere Sicht bereit findet, dieses Faktum zu begreifen.

Immerhin können die Deutschen ja auswandern. Nach Brindisi, Setubal und Kavalla. Oder nach Kattowitz. Wie einst die Oststaatler Amerikas nach Kalifornien und Texas.

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—— Benedikt Brenner